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Dolly Weber

Trotzdem eine Erfolgs-Story


Wenn Du Deinen Vater in den USA suchst, dann erwarte nicht, dass Du in einer Hollywood-Familienresidenz von Deinem Vater, dessen Frau und den Halbgeschwistern wie das glücklich wiedergefundene Kind empfangen wirst. Steve Martins und Goldie Hawn gibt es nur im Kino und die dazugehörige Story auch. Das ist ein Traum, der sich vielleicht für einen von uns erfüllen kann. Die Mehrzahl wird es anders erleben, aber auch das kann sehr befreiend sein.


Memphis, Tennessee, die Stadt berühmt durch Elvis Presley´s Graceland, Einwohneranzahl knapp 700.000, davon ca. 80 % Afro-Amerikaner im Mai 2010. Ich treffe meinen Cousin Larry und dessen Frau Debbie, zwei sehr warmherzige Menschen, die mir den Ort, in den ich 1950 mit meiner Mutter emigrieren sollte, zeigen wollen. Sie haben eine zweistündige Fahrt von Arkansas auf sich genommen, um mich in den noch einmal zwei weitere Autostunden entfernten Platz, an dem ich meine Kindheit verbringen sollte, zu führen.


Wie alles begann:


Die Bombenangriffe auf Wien werden 1945 beendet. 1946 beträgt die mit Marken zugeteilte Lebensmittelration 550 Kalorien pro Person, es gibt kein Heizmaterial. Wien ist in vier Besatzungszonen geteilt: Amerikaner, Briten, Franzosen und Russen. In den Clubs der Amerikaner wird geheizt und es gibt den Swing der 40er Jahre. Die Jugend will tanzen, endlich unbeschwert sein und die Gräuel vergessen.



Die 16jährige Gymnasiastin Liselotte trifft auf den 19jährigen GI Billy. Eine Teenagerromanze beginnt. Sie bleibt nicht ohne Folgen. Die Eltern des Mädchens sind entsetzt. Eine alte Offiziersfamilie, die sehr konservativ ist und nun diese Schande. Zu diesem Zeitpunkt ist eine Ehe aufgrund des Fraternisierungsverbotes untersagt. Billy gibt ein handschriftliches Eheversprechen ab und muss im März 1947, noch vor der Geburt, zurück in die Staaten. Er sollte erst im März 1948 wiederkommen. In der Zwischenzeit wird das Mädchen im Haushalt der Großeltern aufgezogen.


Billy wird 1949 nach Linz versetzt. Im Jahr 1950 sollen Mutter und Kind in die USA emigrieren. Das findet nicht mehr statt, die Eltern trennen sich.


An meinen Vater Billy kann ich mich trotz meiner wenigen Jahre noch erinnern. An seine grüne Uniform und dass ich immer nur seine Beine sah, bevor er mich hoch nahm. Und dass ich einige wenige Worte in Englisch konnte. Einige unbedeutende Ereignisse mit ihm sind mir auch noch in Erinnerung. Was mich aber in Panik versetzte, war die in den Gesprächen ständig aktuelle Übersiedlung in die USA.


Ich wollte nicht von meiner Großmutter getrennt werden und es kostete diese den Kauf eines Bilderbuches um mich nur zu einem Ausflug mit meinen Eltern zu bewegen. Dieser fand aber dann doch ohne mich statt. Ich schrie in dem offenen Jeep so laut, dass man mich nach einer Runde um den Häuserblock wieder nach Hause brachte.


Nachdem ich meinen Vater einige Zeit nicht gesehen hatte, fragte ich nach ihm und bekam von meiner Großmutter die Auskunft, dass er im Koreakrieg sei. Zu Beginn der Volksschule wurde mein Vater wieder ein Thema für mich. Warum ich nicht so hieße wie er und wo er denn sei. Mit der Auskunft, dass ein amerikanischer Name in Österreich nicht so geläufig sei und dass mein Vater verstorben sei, gab ich mich zufrieden.


Als ich 17 war eröffnete mir meine Großmutter, dass mein Vater am Leben sei. Ich wollte mit ihm in Kontakt treten. Dass dies schier unmöglich sei, da es kein Meldesystem wie in Österreich gäbe, damit habe ich mich dann für eine lange Zeit abgefunden.


Als ich während meiner ersten USA Reise mit Ehemann und Kindern in Florida an ein Telefonbuch kam, habe ich versucht aufgrund des Namens in Missouri und Louisiana fündig zu werden. Ich habe mir Telefonnummern herausgeschrieben und nach meiner Rückkehr nach Wien begonnen, diese zu kontaktieren – ohne Erfolg.


Das Internetzeitalter brach an. Eine Freundin recherchiert für mich – ohne Erfolg.


Ende 1999 ein Artikel in einer österreichischen Tageszeitung: Für US $ 99,--erhält man von jedem US Bürger innerhalb von 24 Stunden Adresse und Telefonnummer, wenn man Name und Geburtsdatum wisse. Es kam eine Beileidsäußerung und Namen und Adressen der Witwe und deren Töchter. Ein Briefverkehr und später E-Mail -Verkehr begann. Es war eine Namens-und Datengleichheit – wieder ein Misserfolg.


Inzwischen hatten auch meine Kinder die Sehnsucht nach Information über meine US Wurzeln mitbekommen. Im Frühjahr 2007 gestand mir meine Tochter, dass sie ohne mein Wissen über die deutsche TV-Produktionsfirma ENDEMOL für die Sendung „Nur die Liebe zählt“ habe recherchieren lassen. Es wurde nur ein Neffe namens Randy gefunden, der seinen Onkel Billy aber 40 Jahre nicht gesehen hätte, und dieser könne keine weiteren Auskünfte geben.


Im Sommer lief eine Sendung über Besatzungskinder im ORF. Dort hörte ich erstmals von GITRACE und dem Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsforschung. Nach Recherche beim bei diesem Institut für bekam ich endlich den Namen und das Formular für das National Personnal Records Center, Niels Namen und die Anweisung mich auf GITRACE zu registrieren. Dann überstürzten sich für mich die Ereignisse. Nach der Registrierung erhielt ich viele E-Mails und auch das wichtigste, das von Ute Timmerbrink. In der Zwischenzeit kamen die Informationen von Niels Zussblatt. Billy war im Oktober 1990 an einem Herzinfarkt verstorben.


Über das Internet suchte ich mir den Namen eines Priesters, der denselben Familiennamen wie mein Vater trägt und im selben Ort wohnt heraus und schrieb ihm einen Brief mit Bitte um Auskunft keine Antwort.


Der Kontakt mit Ute wurde intensiv. Wir trafen uns in Wien und sie stellte den Kontakt zu Linda in den USA für mich her.


Linda begann für mich nachzuforschen. Sie durchkämmte diverse Records. Als ich ihr den Namen und Randy´s Adresse gab, begannen die Informationen zu sprudeln. Vom ihm erhielt sie die Namen anderer Verwandter und von Cousin Larry, dem Familienhistoriker. Dieser schickte mir den Stammbaum der Familie, der bis 1832 schriftlich festgehalten ist.


Linda telefonierte quer durch die Vereinigten Staaten. Ich erfuhr, dass ich einen Halbbruder und eine Halbschwester habe. Diese hat sofort in beider Namen jeden Kontakt verweigert. Etwas was man verstehen muss. Der Verwandtschaftsgrad suggeriert Nähe. Aber in verschiedenen Welten – diesseits und jenseits des Atlantik – aufzuwachsen prägt die Person. Welche Gemeinsamkeiten wären da zu finden? Nur aufgrund einer teilweisen Blutsverwandtschaft familiäre Gefühle zu erwarten, ist unrealistisch. Mir war diese Haltung recht. Über Linda erfuhr ich noch einiges über die Ehe meines Vaters und so manches anderes Familiäres.


Das gemeinsame Interesse an der Familienstammbaum-Forschung ließ den Kontakt zu Cousin Larry nicht abreißen. Schon anfangs 2008 schrieb er: Wann kommst Du, wir werden nicht jünger. Der Wunsch, den Ort, der 1950 bei mir Panik auslöste, zu besuchen wurde immer größer.


Im Januar 2010 kam der Entschluss zu fliegen. Larry lud mich und meinen Mann -da er über ein großes Haus verfügt – zu sich ein. Es war eine ganz warmherzige und großzügige Geste, der ich aber nicht gefolgt bin. Treffpunkt war nun im Mai 2010 unser Hotel in Memphis, wo auch Larry und Debbie logierten. Im von Larry mitgebrachten Laptop haben wir die Familienfotos und Familiendokumente angesehen und die von mir mitgebrachten Unterlagen. Er erzählte, dass die Familiensage mündlich überlieferte, dass die Familie im 14. Jahrhundert von Schottland nach Irlandund im 17. oder 18. Jahrhundert, das weiß man nicht so genau, in die USA gekommen sei. Über viele Generationen waren sie Farmer. Ein gemütlicher, entspannter Abend mit Südstaaten-Spezialitäten in einem Jazzlokal in der Bealestreet folgte.


Am nächsten Morgen führte uns Larry über 120 Meilen am Highway zu unserem Cousin Randy, der von Anfang an Billy als seinen Onkel erkannte. Wir besuchten am Friedhof die Gräber einiger Familienmitglieder, um dann zu dem von mir gewünschten Ort aufzubrechen.


Es ist eine Streusiedlung, ca. 10 km außerhalb des eigentlichen Ortes. Das Kolonialwarengeschäft meines Großvaters und das Wohnhaus sind abgerissen. Nur mehr das Fundament des Fahnenmastes beim Geschäft ist noch vorhanden. Randy erzählte mir, dass die Kinder in den 50er Jahren täglich mit einem Bus in eine ca. 15 km weit entfernte Schule geführt werden mussten, weil der Ort keine eigene Schule besaß. Die Häuser sind aus Holz, das weiß gestrichen ist und haben eine kleine Veranda. Die Raumhöhe darin beträgt vielleicht 2,20m. Es sind sehr bescheidene Verhältnisse in denen ich aufgewachsen wäre – nicht hollywood-like. Da ich vor dieser Reise schon drei Mal in den USA war, hatte ich keine überzogenen Erwartungen und das war gut so.


Als ich meinen Cousins erzählte, dass ich bis zu meinem 17. Lebensjahr in dem Glauben lebte, dass mein Vater verstorben wäre, haben beide sehr befremdet ausgesehen. Dabei wurde mir aber klar, dass diese Information meine sicher zarte Kinderseele während der Kinderzeit davor bewahrt hat, mit dem Wissen zu leben vom Vater verlassen worden zu sein.


Zurückgekommen bin ich vollkommen zufrieden und habe meinen Seelenfrieden diesbezüglich gefunden. Wesentlich ist, nicht zu hohe Erwartungen zu haben. Wie schon anfangs gesagt: Hollywood findet nur im Kino statt.


Meine Suche hat mir neue Freunde beschert. Ute mit der ich weiterhin in Kontakt bin und mit der wir uns treffen. Linda und David haben mich schon 2008 in Wien besucht und wir schreiben uns noch immer. Larry und Debbie werden hoffentlich auch nach Wien kommen. Sie wollen auch weiterhin mit mir in Kontakt bleiben. Randy hat mir gesagt, dass er kein guter Briefschreiber ist, aber zu Weihnachten werden wir sicherlich gute Wünsche austauschen.


Niels Zussblatt hat schon 2007 ein Dankschreiben von mir bekommen. Ich möchte nun noch ein Mal auf diesem Wege die Gelegenheit wahrnehmen und mich bei Ute und Linda für ihre ehrenamtliche Tätigkeit zu bedanken, die mir meine seelische Zufriedenheit verschafft hat. Sie tun das in ihrer Freizeit und scheuen keine Kosten und Mühen um diese Nachforschungen für andere zu tätigen und sie tun dies auch noch gratis. Ohne GITRACE hätte ich das Ziel -meine amerikanischen Wurzeln zu finden - nicht erreicht, für mich ist es ein voller Erfolg. Vielen Dank!